top of page

Zürcher Automobile – Schweizer Pioniergeist in Schwamendingen

  • 10. Nov. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

F.B.W. an der Ausstellung Zürcher Automobile

Der Geist der industriellen Pionierzeit ist noch präsent in den Fabrikhallen auf dem Gauss-Stierli-Areal in Zürich-Schwamendingen. Erstmals bebaut 1899 von Conrad Ferdinand Kuhn-Kranz, wuchs auf dem Gelände rasch ein kleines Industrieviertel heran. 1907 erfolgte eine erste Erweiterung, 1917 zwei weitere Anbauten. Ab 1910 war die Seebacher Maschinenbau AG darin beheimatet. Der Industriebetrieb deckte ein bemerkenswert breites Spektrum ab, von Aufzügen über Waffen bis hin zu Automotoren und Getrieben. Ab 1920 wurden sogar eigene Automobile gebaut. Unter dem Namen Seebacher entstanden Tourenwagen in Kleinserie, deren Konstruktion dem Ingenieur Rudolf Egg zugeschrieben wird. 


Das historische Ziegelsteingebäude bot somit die perfekte Location für eine Ausstellung «Zürcher Automobile» über die Zürcher Automobilhersteller des vergangenen Jahrhunderts. Ganze 39 Marken konnte das Team um Daniel Geissmann, ehemaliger Ausstellungsleiter des Verkehrshauses und heute Präsident des SHVF, ausfindig machen. Die Dichte überrascht – und inzwischen soll es bereits Hinweise auf mindestens einen weiteren Hersteller geben, räumte Geissmann im Gespräch ein. Und trotzdem – oder: gerade deswegen – hat die Ausstellung ihr Ziel erreicht: Sichtbarkeit zu schaffen für die regionale Automobilgeschichte, die oft im Schatten grosser Namen stand, aber einen wichtigen Teil der Schweizer Industrie- und Mobilitätsgeschichte ausmacht.


Der Zürcher Pionier Rudolf Egg

Rudolf Egg, der Konstrukteur des Seebachers, gehörte zu den Pionieren des Schweizer Automobilbaus. Bereits 1983 gründete er die Firma Egg zur Produktion eines motorisierten Dreirades. Als er drei Jahre später den finanzstarken Geschäftspartner Egli fand, wurde die Firma umbenannt in Motorwagenfabrik Zürich Egg & Egli. 1899 vergab man eine Lizenz an die Zürcher Patent-Motorwagengesellschaft Rapid, die über 100 Stück des Dreirades baute. 1904 gründete Rudolf Egg die Motorwagenfabrik Excelsior in Zürich Wollishofen, die allerdings bereits nach zwei Jahren wieder verschwand, nachdem die Produktionshallen einem Feuer zum Opfer gefallen waren. Nach verschiedenen Zwischenstationen im Fahrzeug- und Motorenbau entwickelte er schliesslich für die Seebacher Maschinenbau AG ein eigenes Automobil.



Einzelstücke und Grossserien

In der Ausstellung zu finden war allerdings kein Seebacher, denn: von den wenigen Dutzend gebauten Exemplaren ist wohl keines bis heute erhalten geblieben. Ausgestellt ist dafür ein anderes Fahrzeug, das zumindest indirekt mit Rudolf Egg in Verbindung gebracht werden kann: Ein Weber Vierplätzer aus dem Jahr 1902. Ab 1899 begann Johann Weber gemeinsam mit Franz Brozincevic, dem späteren Gründer des Lastwagenherstellers FBW, mit dem Lizenzbau des Dreirades von Rudolf Egg. Nach der Jahrhundertwende kam dann der selbst entwickelte vierrädrige Vierplätzer hinzu, der mit einem Getriebe mit variabler Übersetzung ausgestattet war, das nach demselben Prinzip arbeitete, wie Jahrzehnte später die Variomatic von DAF. Mehrere hundert Stück davon baute Weber, die Fahrzeuge allerdings waren für den Schweizer Markt zu teuer und wurden mehrheitlich exportiert.


Unter den Exponaten befanden sich neben Seltenheiten, wie dem kleinen Rapid von 1946 oder den modifizierten Packard-Modellen der Montage Risch, auch bekannte Pioniere des Schweizer Fahrzeugbaus wie Johann Albert Tribelhorn. Knapp 2000 Fahrzeuge wurden in Feldbach, Altstetten und Dietikon gebaut, was Tribelhorn zum erfolgreichsten Schweizer Hersteller von Elektrofahrzeugen machte. Der Fokus lag dabei auf den Nutzfahrzeugen, zu den Kunden gehörte unter anderem die Stadt Zürich oder die PTT. Und: Sogar an der Errichtung eines schweizweiten Netzwerks von Ladestationen arbeitete Tribelhorn. Immerhin 28 Ladestationen waren um das Jahr 1912 in Betrieb.


Neustart für das Areal

Aber auch neuzeitlichere Namen waren anzutreffen, wie der Leblanc Mirabeau, einem Le-Mans-Rennwagen mit Strassenzulassung, angetrieben von einem V8-Motor von Koenigsegg. Oder natürlich: Sauber, der in der Sportwagenmeisterschaft, in Le Mans und in der Formel 1 aktive Rennstall von Peter Sauber. Die Geschichte der Zürcher Automobilhersteller ist damit mindestens so bewegt, wie jene des Areals, auf dem die Ausstellung stattgefunden hat. Nach dem Ende von Industrie und Produktion zogen in die Hallen die Künstler und Handwerker ein, die für eine kreative Zwischennutzung sorgten. Jetzt plant der Zürcher Immobilienunternehmer Werner Hofmann, der einst selbst dort arbeitete, einen Neustart. Die denkmalgeschützte Haupthalle soll öffentlich zugänglich werden, auf dem umliegenden Areal soll Wohnraum entstehen. 


Text und Bilder: Kim Hüppin 


Kommentare


© 2025 Vollgas Media GmbH

bottom of page